Ziegen gelten zwar als anpassungsfähige Tiere, doch Hitze macht auch ihnen zu schaffen. Typische physiologische Symptome sind eine erhöhte Körpertemperatur und Atemfrequenz; in Extremfällen beginnen die Tiere sogar zu hecheln. Auch das Verhalten verändert sich: Die Ziegen bewegen sich weniger, stehen häufiger statt zu liegen und suchen verstärkt Schattenplätze auf. Der Wasserbedarf steigt deutlich, weshalb eine uneingeschränkte Wasserversorgung an Hitzetagen besonders wichtig ist. Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend, dass die Hitze auch Futteraufnahme und Milchbildung beeinflusst.
Gehirn passt Futteraufnahme an
Ein aktueller Versuch mit einer Saanenziegenherde belegt diesen Zusammenhang eindrücklich. Erfasst wurden Futteraufnahme, Milchleistung und Milchinhaltsstoffe, die anschliessend mit dem Temperature-Humidity-Index (THI) verknüpft wurden. Der THI kombiniert Lufttemperatur und -feuchtigkeit und ist ein bewährtes Mass zur Einschätzung der Hitzebelastung.
Die Auswertung zeigte klar: Mit steigendem THI nahm die Grundfutteraufnahme ab. Der Grund liegt in der Physiologie der Tiere: Bei Hitze reduziert das Appetitzentrum im Zwischenhirn die Futteraufnahme, um die Wärmeproduktion aus der Verdauung zu begrenzen, um den Körper zu entlasten. Weil strukturiertes Grundfutter mehr Verdauungswärme erzeugt als leicht verdauliches Kraftfutter, bevorzugen Ziegen an heissen Tagen intuitiv Kraftfutter.
Im Versuch kompensierten Tiere mit freiem Zugang zu Kraftfutter die reduzierte Grundfutteraufnahme vollständig mit mehr Kraftfutter. Der Kraftfutteranteil in der Gesamtfutteraufnahme lag dann bei über 40 %. Damit stieg entsprechend das Risiko einer Pansenazidose. Dies zeigte sich im Fett-Eiweiss-Quotienten der Milch, der erwartungsgemäss unter den kritischen Wert von 1 fiel. Wurde die Kraftfuttermenge begrenzt, sank mit steigendem THI zwar die Gesamtfutteraufnahme, doch der FEQ blieb länger im unkritischen Bereich.
Hitze beeinflusst die Milch
Auch in der Milchbildung hinterliess die Wärmebelastung deutliche Spuren. Mit steigendem THI nahmen Milchfett und -eiweiss ab. Ein Grund dafür ist die geringere Essigsäureproduktion im Pansen infolge der reduzierten Grundfutteraufnahme. Zusätzlich benötigen Ziegen unter Hitzestress bis zu 30 % der aufgenommenen Energie für die Thermoregulation – Energie, die somit für die Milchbildung fehlt.
Überraschend war ein anderes Ergebnis: Die Milchmenge stieg im Versuch mit zunehmendem THI teils sogar leicht an. Eine genauere Betrachtung zeigte jedoch, dass gleichzeitig der Laktosegehalt sank. Da Laktose massgeblich den osmotischen Wassereinstrom ins Euter steuert, gleicht der Körper dies über eine höhere Konzentration an anorganischen Salzen wie NaCl aus, die die osmotische Wirkung der Laktose kompensierten und so eine konstante Milchmenge ermöglichten. Die scheinbar höhere Milchmenge war daher vor allem ein Effekt der veränderten Milchzusammensetzung und kein Zeichen besserer Leistung.
Ziegen im Sommer unterstützen
Aus den Versuchsergebnissen lassen sich klare Empfehlungen ableiten, wie Milchziegen im Sommer unterstützt werden können:
- Schatten und Kühlung sicherstellen
Ziegen suchen bei Hitze aktiv schattige, kühlere Bereiche auf. Ventilation, Kühlungssysteme und gut isolierte Dächer reduzieren die Belastung deutlich. - Ausreichend Wasser bereitstellen
Der Wasserbedarf steigt bei Hitze stark an. Ständig verfügbarer Zugang zu sauberem Wasser ist unerlässlich. - Fütterungszeiten in die kühleren Stunden legen
Morgen- und Abendfütterung erhöht die Fressbereitschaft und entlastet den Stoffwechsel. - Mineralstoffversorgung erhöhen
Hitzestress erhöht den Mineralienverlust über die Milch. Eine angepasste Mineralfutter- und Salzversorgung sowie Elektrolyttränken können sinnvoll sein. - Ration überprüfen
Hochwertiges, gut verdauliches Grundfutter und Futterzusatzstoffe wie Postbiotika stabilisieren Futteraufnahme und Pansen-pH. Bei strukturarmen Rationen gegebenenfalls Pansenpuffer einsetzen.
Hitzestress-Management als Erfolgsfaktor
Hitzestress beeinflusst Verhalten, Futteraufnahme und Milchzusammensetzung von Ziegen deutlich. Besonders kritisch wird es bei hohen Kraftfutteranteilen in Kombination mit sinkender Grundfutteraufnahme. Wer Haltung und Fütterung gezielt anpasst, kann gesundheitliche Risiken wie Pansenazidose vermindern und Leistungseinbussen reduzieren. Angesichts häufiger werdender Hitzeperioden wird ein hitzeangepasstes Management auch hierzulande zu einem zentralen Erfolgsfaktor in der Milchziegenhaltung.